12.03.2012
„Spracherkennung ist ein Quantensprung zur Erleichterung der Arbeitsabläufe in der Chirurgie“
„Spracherkennung ist ein Quantensprung zur Erleichterung der Arbeitsabläufe in der Chirurgie“

(HealthTech Wire / Interview) - An der Augusta-Kranken-Anstalt gGmbH in Bochum arbeitet die Chirurgie seit vier Wochen mit cloudbasierter Spracherkennung per Streaming-Technologie. Das Erfassen von gesprochenem Text in Echtzeit an jedem beliebigen Rechner in seiner Station bezeichnet Priv. Doz. Dr. med. Benno Mann, Chefarzt  der allgemeinen Chirurgie an der Augusta-Kranken-Anstalt, als einen „Riesen-Gewinn“.

Was sind die Herausforderungen und Besonderheiten in der chirurgischen Dokumentation?
In der Chirurgie gilt die Leistung nicht schon mit dem Nähen der Wunde als erbracht, sondern erst mit dem Fertigstellen des Berichtes. Das Dokument ist Teil der medizinischen Leistung.

Wie schnell muss nach einem chirurgischen Eingriff dokumentiert werden?

Die offizielle Empfehlung für OP-Berichte lautet: „Unmittelbar nach der OP“. Das gesamte Geschehen soll dem Operateur noch sehr präsent sein, wenn er den Bericht verfasst. Diktiert man den Bericht stark zeitversetzt,  kann man  sich oft nur an weniger Details erinnern. Im Falle von späteren Komplikationen hilft ein solcher OP-Bericht dann weitaus weniger weiter, als er es eigentlich könnte. Die Spracherkennung ist an dieser Stelle ein großer Gewinn, denn Sie hilft uns, OP-Berichte zeitnah nach dem Eingriff zu verfassen.

Generell nutzen Sie Spracherkennung ja schon einige Jahre. War die Anpassung an Ihre eigene Stimme aufwändig und hatten Sie Probleme mit der Erkennungsrate?
Die Anpassungsphase war extrem kurz. Ich musste neun bis zehn kurze Texte einsprechen. Das war eine Aktion von etwa einer halben Stunde. Wenn ein neues Update eingespielt wird, spreche ich  manchmal einen Probetext nach. Das  dauert nur wenige Sekunden. Die Schreibdienste schulten anfangs das System etwa zwei bis drei Wochen lang. Ich diktiere übrigens so schnell, wie ich am Telefon spreche. Das habe ich schon einmal auf einem Ärztekongress demonstriert und die Kollegen im Publikum damit in Erstaunen versetzt.

Sie nehmen seit kurzem an einem Piloten mit einem neuen technischen Ansatz teil: Spracherkennung wird über Streaming bereit gestellt*. Welche Erleichterungen hat Ihnen diese neue cloud-basierte Lösung bisher gebracht?
Wir erhalten damit Spracherkennung in Echtzeit – an jedem Rechner. Die Verlaufsdokumentation erstellen wir jetzt auf der Station. Wir diktieren einfach in das Feld „Ärztliche Bemerkungen“ im KIS hinein und das Dokument ist sofort mit Namen des Arztes und Datum abgespeichert. Das ist ein riesiger Schritt nach vorne. Ebenfalls einen Riesen-Gewinn bedeutet dieser Ansatz bei der ambulanten Stationsaufnahme. Bislang haben die Ärzte während des meist hektischen Nachtdienstes lediglich die absolut wichtigsten Informationen in den Aufnahmebogen eingetragen.  Durch die Spracherkennung liefern sie jetzt sehr viel aussagekräftigere und vollständigere Dokumente. Die Anmeldung von Patienten für die Computer-Tomographie (CT) wurde ebenfalls leichter. Als Arzt muss man dem Radiologen mitteilen, was für eine Untersuchung man haben will, wofür man die CT braucht und welche Vorgeschichte der Patient hat. Bevor wir die Flexibilität der neuen Streaming-Spracherkennungslösung hatten, wurde das alles von Hand geschrieben – jetzt können die Ärzte direkt in das Radiologie-Anforderungsformular im Krankenhausinformationssystem hineinsprechen. Schließlich hat uns die Spracherkennung auch bei den Arztbriefen enorm vorangebracht. Heute verlassen alle Patienten das Krankenhaus mit einem fertigen und unterschriebenen Arztbrief. Das war vorher undenkbar. Der Arztbrief ist ein sehr wichtiges Dokument für den niedergelassenen Arzt, der den Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt weiter betreut. Früher waren das häufig sehr knapp gehaltene Papierdokumente. Durch die Nutzung der Spracherkennung sind die Arztbriefe inhaltlich viel besser geworden. Insgesamt ist das „Am Cursor Diktieren“ über die neue Streaming-Lösung ein wahnsinniger Zeit- und Qualitätsgewinn für uns. Die gesamte Mannschaft ist sehr zufrieden mit diesem System.

Welche anderen Krankenhausbereiche könnten von Spracherkennung profitieren?
Gerade die Pflege würde damit sehr viel Zeit sparen. Die Krankenschwestern notieren derzeit noch handschriftlich oft stundenlang die pflegerische Verlaufsdokumentation. Mir wäre es oft lieber, die Pfleger bei der Visite dabei zu haben, statt dass sie sich mit der Verlaufsdokumentation vom Morgen beschäftigen. Abrechnungstechnisch ist diese jedoch leider wichtig. Wir wollen komplett weg von dem vielen Papier, mit dem das Pflegepersonal immernoch arbeitet. Im Umgang mit dem PC sind diese Mitarbeiter jedoch oft ungeübt. Deshalb werden sie von der Spracherkennung extrem profitieren.

Haben Sie noch ein Abschluss-Statement?

Generell wundere ich mich, dass die krankenhausweite Spracherkennung erst jetzt kommt und dass ich auf so viel Erstaunen stoße, wenn ich Kollegen auf Kongressen davon berichte. Bei der enormen Zeitersparnis, die das System bringt, müsste Nuance es eigentlich wöchentlich an hundert  Krankenhäuser verkaufen. Alle Ärzte klagen so sehr über die Dokumentation – über Spracherkennung sind alle begeistert.

Dr. Mann, vielen Dank für das Gespräch. (HTW)

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*Spracherkennung über Streaming: Die hier beschriebene Technologie ist Teil des Nuance Healthcare Portfolios. Erstmals wird Spracherkennung in der Medizin über Streaming möglich und bietet  Ärzten, Krankenhäusern und KIS-Herstellern neue Möglichkeiten bei gleichbleibender Qualität in Geschwindigkeit, Erkennung und Lernkurven. Mehr dazu unter: healthcare.speechrecognition@nuance.com.

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